Die Innere Seelenbühne

Um die Arbeit an der Seele noch etwas deutlicher zu machen, möchte ich folgendes Bild malen:

Als ich vor vielen Jahren zusammen mit Kollegen Puppentheater für Kinder gespielt habe, war ich immer wieder fasziniert, wenn ich durch einen Schlitz unseres Bühnenvorhangs in die Gesichter der Kinder schaute. Ich fragte mich damals, was sich da wohl im Inneren dieser Kinder abspielte.

Heute habe ich eine Ahnung davon. Ich ahne, dass sich die Seele jedes Kindes in diesem Spiel wiedererkannt hat. Sie hat erkannt, dass es diese Puppen auch im eigenen Inneren gibt, eine Gretel oder einen Hänsel, die Angst haben, die Großmutter, die sie liebevoll versorgt, einen Räuber, der sie in Angst und Schrecken versetzt, ein Krokodil, das zubeißen möchte, einen Teufel, der alles zunichte macht, einen Kasper, der für jede missliche Situation eine Lösung parat hat usw.

Das was sich im Inneren der kindlichen Seele abspielt, erlebt das Kind im Puppenspiel auf der Bühne und erkennt sich wieder. Das ist das eigentlich Heilsame an solchen Geschichten und auch an Märchen.

Wir alle sind mit diesen Puppen oder Figuren geboren worden, die auf unserer Lebensbühne agieren – oder auch nicht. Es sind die Bewohner unserer Seele. Im Kaspertheater sind es 12 Puppen, entsprechend der 12 Archetypen, wie sie C.G. Jung genannt hat. Es sind Persönlichkeitsanteile, die jedem Menschen unabhängig von seiner Kultur und Religion innewohnen. Natürlich sind sie bei jedem Menschen individuell „eingefärbt“.  Nicht jedes Krokodil zeigt sich als blutrünstiges Raubtier. Wie diese individuelle Einfärbung aussieht, zeigt uns das Geburtshoroskop, denn die Planeten sind nichts anderes als die Repräsentanten dieser inneren Figuren. So entspricht das Krokodil von der Symbolik her dem Planeten Mars und je nach Stellung im Horoskop können wir erkennen, welche Handlungsanweisung dieser Mars mitbekommen hat (Stellung im Tierkreiszeichen), in welcher inneren Landschaft (Häuser) er sich bewegt und wie seine Beziehungen zu anderen Figuren aussieht (Aspekte).

Bei den meisten Menschen ist es so, dass sie bestimmten Puppen nicht erlauben wollen, in ihrer Lebensgeschichte mitzuspielen. Diesen Figuren ist der Zugang zur Bühne verwehrt. Sie wurden in die große Kiste, die hinter der Bühne steht, eingesperrt und dürfen nicht mitspielen.

Und so können wir bei vielen Menschen beobachten, dass vielleicht nur noch der Seppl und die Gretel, vielleicht noch die Großmutter und der Briefträger mitspielen dürfen, ein wahrhaft langweiliges Schauspiel. Die Kinder sind alle schon nach hause gegangen, denn wenn der Kasper, der Räuber, das Krokodil, die Hexe, der Teufel usw. nicht mitspielen dürfen, dann ist es kein richtiges Spiel.

Keiner von uns Erwachsenen würde sich Goethe´s Faust anschauen, wenn Mephisto der Zugang zur Bühne verwehrt bliebe. Das Salz in der Suppe würde fehlen.

Und so wundern wir uns, dass in unserer Lebensgeschichte mitunter die Spannung fehlt.

Das Problem ist, dass diese Figuren in der Kiste ja gerne mitspielen und ins Scheinwerferlicht (des Bewusstseins) treten möchten. Es gibt allerdings auch Figuren, die wollen das nicht, da sie am Licht des Bewusstseins ihre Identität verlieren würden und sich in etwas anderes verwandeln würden. Sie bleiben lieber unerkannt im Dunkeln der Seele. Es ist wie mit dem Vampir, der im Angesicht der Sonne zu Staub zerfällt – der Vampir muss sterben, doch etwas Neues kann daraus geboren werden.

Jedenfalls benötigen wir viel Lebensenergie, damit die Kiste verschlossen bleibt. Das zieht einen weiteren Umstand nach sich: mit dieser Energie nähren wir die Figuren in der Kiste, so dass sie hinter unserem Rücken immer größer werden und im Laufe der Zeit zu dämonenhaften und furchterregenden Wesenheiten heranwachsen können. Von hinten mischen sie sich in unser Leben ein, sei es in Form von körperlichen Krankheiten, Angstzuständen, Depressionen, Selbstmordgedanken usw.

Um diese innere Dynamik noch deutlicher zu machen möchte ich den Ablauf einer Seelenreise schildern, wie sie eine Frau erlebt hat, die Hilfe suchte, da sie immer häufiger von Selbstmordgedanken heimgesucht wurde.

Im Zustand der Trance schilderte sie mir folgendes Bild:  „Ich bin die Prinzessin im Kaspertheater, habe ein Messer im Rücken und mein Ende scheint nahe zu sein. Ich bin ganz alleine hier, alle anderen sind schon weg.“

Ich hatte dieser Frau übrigens nichts von dem Bild mit der Kasperbühne erzählt.

Mich interessierte natürlich, wer ihr dieses Messer hineingestoßen hat und so fragte ich sie, ob sie den Mut habe, sich langsam umzudrehen. Sie äußerte Angst und ich bat sie, ihrer Angst Raum zu geben. Der Effekt davon ist, dass sich die Angst auflösen und die Energie, die zuvor an die Angst gebunden war, frei werden kann. So war es auch diesmal und langsam konnte sie sich umdrehen. Vor ihr stand eine große, bedrohliche, hämisch grinsende Gestalt. Ich bat die Frau, dem Blickkontakt mit dieser Gestalt standzuhalten. Erstarrt stand sie da. Dann bat ich sie, sich mit Hilfe ihres Atems in diese Gestalt hineinzuatmen, selbst zu dieser Gestalt zu werden. Dies ist deshalb möglich, da diese Gestalt ja eine Figur ihrer Seele ist.

Als sie dann diese Gestalt war, fragte ich sie, wer sie denn sei. Sie sagte ganz spontan: „Ich bin die Sexualität und wenn ich da vorne auf der Bühne nicht mitspielen darf, dann bringe ich jetzt alle um!“

Damit waren wir schon auf einer wichtigen Spur.

Ich fragte die Figur, was denn geschehen sei. Sie sagte mir, dass diese Frau als kleines Mädchen von ihrem Onkel über mehrere Jahre hinweg sexuell missbraucht worden sei – ein Umstand, den die Frau aus ihrem Alltagsbewusstsein verbannt und diesen Teil, der das erlebt hat, eben abgespalten hatte. Doch diese Gestalt wusste noch ganz genau, was damals geschah.

Am Rande bemerkt: -  Sexueller Missbrauch und auch andere Formen von Missbrauch ist so ziemlich das Schlimmste, was einer kindlichen Seele angetan werden kann. Damit ein solches Kind seelisch überleben kann, wird dieser bedrohliche Teil einfach abgespalten, in die Kiste gesperrt.

Diese Gestalt wollte aber ihren Platz auf der Bühne eingeräumt bekommen und so hat sie sich in Form von Selbstmordgedanken wieder ins Spiel gebracht. Denn diese Figur verkörpert die Lebenskraft schlechthin.

Die Frau sagte mir nach dieser Sitzung, dass sie sich nicht daran erinnern könne, irgendwann in ihrem Leben so viel Energie und Kraft gespürt zu haben, wie in dem Moment, als sie diese Gestalt war.

Im Laufe der weiteren Sitzungen suchten wir dann dieses zutiefst verletzte Kind in ihrem Inneren auf. Sie konnte das Kind in ihre Arme nehmen und trösten. Danach war es ihr möglich, zusammen mit dem Kind, das inzwischen Vertrauen zu ihr aufgebaut hatte, in jenen Seelenraum zu gehen, in dem ihr Onkel lebte.  "Ihm konnte sie seinen Anteil der Verantwortung an diesem Geschehen zurückgeben, den sie als Schuld so viele Jahre mit sich getragen hat und zu ihrer Überraschung: er hat seither darauf gewartet und war dankbar seinen Anteil wieder zu bekommen.

Bei Licht betrachtet: es geht hier nicht um Schuld oder Unschuld. Es handelt sich um ein klassisches Opfer-Täter-Spiel. Es geht hier nicht um Anklage sondern um Versöhnung. Beide Seelen erkennen in ihrem Gegenüber ihre im Bewußtsein fehlende Hälfte. So hatte diese Frau die Möglichkeit, zu erkennen, dass dieser Onkel im Außen ein Teil von ihr selbst war, der wieder nach hause wollte, in ihr Bewußtsein.

Täter und Opfer finden einander, um aneinander zu heilen.

Ein Kind das ein solches Erlebnis erleiden muss, nimmt aus Liebe zum Täter die Schuld auf sich, an der es beinahe zu zerbrechen droht.

Gleichzeitig konnte sie sich immer mehr auf ihre „bedrohliche Gestalt“ einlassen, die an Bedrohung und Größe immer mehr verlor, bis sie sie schließlich wieder auf ihre Bühne holen konnte, wo dann nach und nach auch die anderen Figuren wieder auftauchten. Für uns beide nicht überraschend war es dann auch, dass ihre Selbstmordgedanken immer weniger auftauchten und schließlich völlig versiegten.

Jetzt galt es, diese Figur wieder ins Spiel zu bringen und auch mit den anderen Figuren in Kontakt zu bringen. Die Prinzessin (ihre Venus – die Weiblichkeit) konnte genesen und ihre weibliche Seite konnte sich immer weiter entwickeln.

Zugegeben, die Art und Weise, wie sich die Seele dieser Klientin offenbarte, erlebe ich nicht jeden Tag.

Oft ist es ein langsames Vorantasten, ein Fischen im Trüben wobei ich auch manchmal auf Nebenschauplätze geführt werde, die mich vom Eigentlichen ablenken sollen. Doch auch das bringt uns weiter, wenn wir erkennen, was innerlich abläuft. Bei einem Menschen, der mit dem Rücken wirklich an der Wand steht, wartet die Seele darauf, sich offenbaren zu dürfen und ich spüre immer eine große Dankbarkeit der Großen Seele gegenüber, für das, was an Lösung möglich ist.

Heilung heißt also auch: „Dreh dich herum, öffne die Kiste hinter dir, schaue, welche Figuren dort eingesperrt sind und beschäftige dich mit ihnen!“

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Die Innere Seelenbühne